Die Deutsche Bahn holt sich gerade eine richtig blutige Nase bei dem Berliner Politik-Blogger Markus Beckedahl. Eine Lektion in Sachen Blogger, Web 2.0 und Social Media für die DB.
Ich musste schon grinsen als ich die Überschrift von Netzpolitik „
Deutsche Bahn AG schickt mir Abmahnung!" gelesen hatte – ich
ahnte wusste was jetzt folgt…
Was ist passiert?Netzpolitik.org berichtete am Samstag, den 31.01.2009 über die Rasterfahndung der Deutschen Bahn AG gegen deren Mitarbeiter. Aus anonymer Quelle wurde Netzpolitik.org ein Memo des Berliner Landesdatenschutzbeauftragten zugespielt. Andere Medien hatten ebenfalls über dieses Memo berichtet. Damit sich die Leser selber eine Meinung bilden können, druckt Netzpolitik.org dieses Memo im Original ab. Knapp 4 Tage später, am 03.02.09 sendet die Deutsche Bahn eine Abmahnung und verlangt die Entfernung des Memos sowie die Unterzeichnung einer Unterlassungserklärung.
„It´s so easy“ dachte sich die Bahn:Wir, die übermächtige Deutsche Bahn, machen es wie immer und mahnen einfach den „kleinen Privat-Blogger“ Markus Beckedahl ab, weil er einen Text veröffentlicht hat der uns nicht passt. Herr Beckedahl wird daraufhin das Memo sofort löschen, die Unterlassungserklärung unterschreiben, eventuell eine Anwaltsrechnung bezahlen und der Fall ist erledigt….
Hallo Deutsche Bahn – in welcher Traumwelt lebt ihr eigentlich?Wie wenig muss man über Blogger, Social Media, den Zusammenhalt und die wahre Macht von solch wirklich erstklassigen Bloggern wie Netzpolitik.org wissen, um einen solchen Blödsinn zu machen?
Was nach Eingang der Abmahnung passieren musste:
1. Die Abmahnung selbst wird natürlich ebenfalls in einem weiteren Blogbericht veröffentlicht.
Bericht mit der Abmahnung2. Ein professioneller Blogger hat sich bereits vorab überlegt, ob er dieses Memo mehr oder weniger problemlos veröffentlichen darf. Netzpolitik.org war in diesem Fall der Meinung dies tun zu können. Daran ändert auch eine Abmahnung der Bahn nichts – egal wie „groß“ die Bahn ist!
3. Und nun nehmen die Dinge Ihren gewohnten „Social Media“-Lauf:
Die Meldung mit der Abmahnung verbreitet sich binnen weniger Minuten im Netz, die Meldung wird hundert (tausendfach!?!) aufgerufen und gelesen. Erst jetzt nimmt das Unheil seinen Lauf für die Bahn – vorher hatten sich nur wenige für das Memo interessiert – es war sowieso schon anderweitig darüber berichtet worden. Die Abmahnung ist aber neu und gegenüber allen anderen Berichten einzigartig! Vielen Lesern stößt nun das Vorgehen der Bahn sauer auf! Es kann nicht sein, dass eine Firma tausende von Mitarbeitern bespitzeln lässt und dann einem Blogger verbietet „Memos“ zu veröffentlichen die schon in den Medien bekannt sind….
4. Es folgten innerhalb 4 Stunden hunderte von Kommentaren auf den Bericht, die Presse (Spiegel, TAZ, N24, Focus.de,...) greift das Thema auf und andere Blogs berichten ebenfalls darüber. Innerhalb kürzester Zeit ist das Thema also bundesweit (weltweit!) zu einer Schlagzeile geworden!
Das Gegenteil von dem was die Bahn erreichen wollte ist logischerweise eingetreten! 5. Die Leser erkennen auch die drohende Gefahr eines Gerichtsprozesses gegen Netzpolitik.org, zeigen sich solidarisch und bieten für den Fall der Fälle Spenden an. Markus Beckedahl braucht sich keine Sorgen zu machen, einen eventuellen Gerichtstermin zu finanzieren – und wenn ein solcher Prozess wirklich Realität wird, hätte die Bahn noch viel mehr negative Schlagzeilen…
Wie wird die Bahn reagieren?Ich wage eine Prognose:
• Die Bahn wird umgehend die Abmahnung zurückziehen um noch mehr schlechte Presse zu vermeiden.
• Netzpolitik.org wird den Rückzug ebenfalls veröffentlichen und mächtig Beifall ernten.
• Damit ist das Thema in ein paar Tagen erledigt – aber es wird immer im Internet „vermerkt“ bleiben!
Wie sollte die Bahn reagieren – wird es aber vermutlich nicht tun!Die Deutsche Bahn hat mit dieser Abmahnung einen groben Fehler gemacht. Sei es aus „Unwissenheit“ über Blogger und deren „Medien-Macht“, „Blauäugigkeit“ darüber, wie heutzutage Nachrichten im Internet verbreitet werden. Oder es war einfach ein Anwalt, der nach „Schema F“ mal kurz eine Standard-Abmahnung geschrieben hat.
Der einzige Weg diese Kuh wieder vom Eis zu bekommen ist:
• Abmahnung sofort zurückziehen
• Sich in aller Form und vor allem
glaubwürdig für diesen Fehler zu entschuldigen. Am Besten in einem öffentlichen Brief von ganz oben (Herrn Mehdorn)!
• Sich etwas wirklich Tolles einfallen zu lassen, wie man bei Netzpolitik.org einen positiven Artikel als Abschluss der Sache bekommt. Das muss aber ein sehr guter Einfall von der Bahn sein – es darf nicht einmal im Ansatz nach „Bestechung“ riechen! So schlecht wie die Sache mit der Abmahnung war, so gut könnte die Bahn mit einem genialen Einfall hier punkten.
Anmerkung für Herrn Mehdorn: Ich hätte da einen Einfall – aber den schreib ich hier nicht!
• Die Bahn wird die negativen Texte sowieso nicht mehr aus dem Internet herausbekommen – sie sind bereits zu oft auf andere Webseiten kopiert und verlinkt worden. Sie muss also damit leben! Nur der Abschluss des Ganzen mit einem positiven Bericht würde die Bahn wieder halbwegs ins rechte Licht rücken.
Ich vermute jedoch, dass dies so nicht eintreten wird: Die „große Deutsche Bahn AG“ entschuldigt sich nicht! Bis zum derzeitigen Augenblick passiert dies nicht einmal bei den vermutlich 170.000 bespitzelten Mitarbeitern. Wieso also bei einem „kleinen Privat-Blogger“ aus Berlin….
(Nachtrag: Bei den Mitarbeitern hat sich Herr Mehdorn am 3.2.09 entschuldigt!
Handelsblatt Bericht)
Links zu den bisherigen Artikeln von Netzpolitik.org:-
Bericht 1 mit dem Memo-
Abmahnung Deutsche Bahn-
Zusammenfassung was alles passiert istWeitere Beispiele von „blutigen Nasen“ – Blog-SkandaleÜber Google wird zu jedem dieser Themen eine Vielzahl von Treffern zu finden sein….
• Der Journalist Jens Weinreich berichtet in seinem Blog über den DFB (Deutscher Fußball Bund) Präsidenten Dr. Theo Zwanziger. Er bezeichnet ihn darin als „unglaublichen Demagogen“ (
Was ist Demagogie?). Herr Weinrich veröffentlichte alle Schreiben an ihn, der DFB gab aber nicht nach und verlor mehrere Gerichtsprozesse. Die Liste der Negativschlagzeilen für den DFB wurde damit immer länger.
Zusammenfassung von Jens WeinreichEine Zusammenfassung bei Netzpolitik.org (welch Ironie des Schicksals…):
Fazit: Der DFB bzw. Theo Zwanziger hat ebenfalls die „Blogosphäre“ unterschätzt, nichts dazugelernt und sicher immer tiefer ins Fleisch geschnitten.• Der Computerperipherie-Hersteller Belkin hatte auf Amazon.de und einigen US-Webseiten viele schlechte Bewertungen über die eigenen Produkte. Also dachte man sich, wir bezahlen 65 Cent pro positiver Bewertung – egal ob das Produkt gekauft wurde oder nicht. Das Angebot mit den 65 Cent sprach sich schnell herum – und wurde entsprechend in der Online Szene zerrissen – jeder wusste innerhalb weniger Tage, dass die schlechten Bewertungen „echt“ sind und die guten Bewertung „gekauft“.
Belkin tat das einzige Richtige: Der Präsident Mark Reynoso entschuldigte sich in einem öffentlichen Brief und die Aktion wurde seitens Belkin sofort eingestellt. Ob dieser Aufruf für gute Bewertungen nun im Auftrag der Firma Belkin geschah, oder tatsächlich ein Mitarbeiter sein eigenes Geld für die Firma geopfert hat
(Meine Anmerkung: Wow – wenigstens Einer der von Belkin richtig überzeugt ist!!), spielt dabei keine Rolle: Belkin stand ziemlich schlecht in der Öffentlichkeit – und nun wusste wirklich jeder, dass die Belkin Produkte in den Bewertungen schlecht weggekommen sind.
Fazit: Das Gegenteil von dem was Belkin bzw. dieser Mitarbeiter bezweckt hat ist eingetreten. Man „kauft“ sich keine guten Bewertungen – die muss man sich verdienen(, oder sich zumindest nicht erwischen lassen! )-
Belkin Bericht bei Computerbild-
Belkin Bericht bei Crunchgear (englisch)
• Weitere Blog-Skandale
Eine Liste von 28.11.2006:
Top-Liste der Blog-SkandaleWas können Reisebüros daraus lernen?Die Lobby der Reisebüros ist sehr schwach! Der Zusammenhalt der Reisebüros ist im Grunde nicht vorhanden. Jeder meckert über Provisionskürzungen, Malus-Regelungen, höhere Mindestumsätze – aber keiner schreibt oder tut etwas dagegen, und schon gar nicht „Massen/Medienwirksam“.
Ein guter Anfang die Lobby von Reisebüros zu stärken, wäre hier in diesem Forum, über Missstände in der Touristik-Branche zu schreiben... Walter Zirn
www.MSE-iT.deNachtrag:
- 05.02.2009
Stern Interview mit Markus Beckedahl vom 05.02.2009 / 17:11 Uhr - Die Bahn sollte sich warm anziehen, Beckedahl macht ernst!
- 05.02.2009 - Die TAZ hat die Abmahnung der Deutschen Bahn AG auf die Titelseite genommen -
Kommentar von Stephan Kosch.
Die Ereignisse Überschlagen sich:
Blogwart Mehdorn- 04.02.2009 Bündnis90/Die Grünen zeigen sich solidarisch mit Netzpolitik.org - Sie setzen das Memo auch auf die
Homepage der Grünen.
- 06.02.2009 -
TAZ-Interview mit dem Grünen Bundestagsabgeordneten Anton Hofreiter über den Fall Netzpolitik.org und die Veröffentlichung des Memos auf der Webseite der Grünen.
- 04.02.2009 - Spiegel-Online -
Gewerkschaften empört über Mehdorns Krisenmanagement- 06.02.2009 11:34 Uhr - Netzpolitik veröffentlicht die "
Unterlassungs- und Verpflichtungserklärung" - "Das unterschreibe ich natürlich nicht und komme auch nicht den Forderungen nach."
- 06.02.2009 13:42 Uhr - Netzpolitik.org an die Bahn "
Die Antwort an die Deutsche Bahn"
- 06.02.2009 14:18 Uhr "
Deutsche Bahn AG gibt auf!"
- 06.02.2009 Auskunft der Bahn gegenüber Markus Schindler, ebenfalls ein Blogger: "
Die Bahn bestätigt, daß es keine weiteren juristischen Schritte gegen “diesen Blogger” (Markes Beckedahl) geben wird.".
Die Bahn bestätigt:
- Die rechtliche Bewertung der Bahn ist unverändert, also “Verrat von Betriebs- und Geschäftsgeheimnissen” durch die Veröffentlichung des Memos.
- Man habe die Abmahnung als ein Mittel erachtet, um dieses Memo aus dem Netz zu bekommen.
- Dieser Versuch ist ja nun offensichtlich gescheitert.
- Man werde darum von weiteren Versuchen absehen, das Memo mit juristischen Mitteln offline zu bekommen.
Es wird keine gesonderte Mitteilung an die Presse zu diesem Thema geben, auch Markus Beckedahl wird nicht direkt darüber informiert werden, dass die Bahn ihn in dieser Sache nicht mehr behelligen wird.
Meine Anmerkung:
Wie unglaublich Arrogant muss man sein, um soetwas "nur" telefonisch herauszugeben. Bei einem Thema, dass durch alle Medien geistert. Die Behauptung "Verrat von Betriebs- und Geschäftsgeheimnissen" auch noch Aufrecht zu erhalten und Herrn Beckedahl davon nicht einmal zu informieren.
Ich denke nicht, dass dies das letzte Wort in dieser Angelegenheit ist...
- 06.02.2009 23:24 Uhr Bericht auf Netzpoltik.org von Ralf Bendrath:
"Deutsche Bahn vs. Netzpolitik – Was lernen wir daraus?".
Interessant fand ich - neben dem Bericht selbst - den Disclaimer am Schluß:
Zitieren:"Disclaimer
Natürlich freue ich mich darüber, dass die Bahn so schnell aufgegeben hat. Natürlich war das eine extrem dumme Aktion von deren Rechtsabteilung. Natürlich gibt es ein berechtigtes öffentliches Interesse am Zugang zu solchen Dokumenten. Natürlich war das eine Lehre für alle Justiziare und PR-Abteilungen. Muss man das wirklich noch extra sagen? Määääh.
Dieser Beitrag ist übrigens - unserer normalen Praxis bei Netzpolitik.org entsprechend - nicht mit Markus abgestimmt."
Meine Anmerkung: Natürlich stimme ich Herrn Bendrath zu, daß dieser Fall ein besonderer ist. Aber wenn die Bahn AG schon schwer angeschlagen ist und durch die Bespitzelungsaffäre negative Schlagzeilen macht, dann sollte die Bahn erst recht vorsichtig agieren und jeden Schritt überlegen - auch eine solche Abmahnung.
Meine Interesse an diesem Fall sollte andere Dinge aufzeigen:
* Selbst die großen Firmen haben oft keinen blassen Schimmer wie die Social Media Welt funktioniert
* Es wird nach "alten Methoden" versucht, die Social Media Welt anzugehen - was typischerweise immer zu 100% scheitert (das ist der beste Fall) oder sich zu 1000% ins Gegenteil des gewollten verwandelt (das ist hier passiert).
* Es wird - wieder eine Prognose von mir - keine Lehre daraus gezogen, wie man in Zukunft mit solchen Social Media "Problemen" umgehen sollte. In diesem Fall hatte die Bahn AG mehrere Tage Zeit sich Wege aus diesem PR-Desaster zu überlegen. Wie sie das letztendlich gemacht hat, deutet eher auf ein "trotziges Kind" als auf eine reife Weltfirma hin.
- 07.02.2009 - Fundstück "
DB ist der neue DFB - 10 Gründe warum die Deutsche Bahn den Konflikt verlieren muss" - von Robin Meyer-Lucht
- 10.02.2009 / 23:00 Uhr -
Ofizieller Zwischenbericht der Deutschen Bahn zur Mitarbeiterüberwachung (Update) auf Netzpolitik.org
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